Interview

Das jüdische Buttenhausen

Buttenhausen ist ein Dorf auf der Schwäbischen Alb, ein Stadtteil von Münsingen im Kreis Reutlingen. Es erscheint auf den ersten Blick wie ein Dorf unter vielen. Dem Besucher fällt vielleicht ein großes Gebäude im Zentrum des Ortes auf, an dem „Bernheimersche Realschule“ steht. Es passt eher in eine Kleinstadt als hierher. Wer sich dann abseits der Hauptstraße begibt, wird weiter entdecken, dass das Dorf zwei Friedhöfe besitzt. Denn auf einem Berg über dem Ort liegt ein jüdischer Friedhof, gerade gegenüber dem christlichen. Der erste Grabstein, den man hier findet, stammt aus dem Jahre 1789. Die beiden letzten stammen aus dem Jahr 1943.

1787 gewährte der damalige Territorialherr Philipp Friedrich aus dem reichsunmittelbaren Rittergeschlecht der Liebensteiner hier 25 jüdischen Familien seinen Schutz. Gegen Abgaben garantierte er ihnen Bauflächen für ihre Häuser, ein dauerhaftes Bleiberecht und Rechtsschutz. Er versprach sich von dieser Maßnahme höhere finanzielle Einnahmen und eine wirtschaftliche Belebung des armen Gebietes, in dem bereits knapp zweihundert Christen lebten. In Vertragsform bürgte Freiherr von Liebenstein zudem für eine weitgehende Autonomie in religiösen Angelegenheiten. Das war keine Normalität im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Juden waren entweder auf Gedeih und Verderb dem Willen der Herrschaft ausgeliefert oder hatten als Nicht-Seßhafte gar keine Rechte. Die Bestimmungen Buttenhausens waren für sie erträglicher als in den meisten anderen Teilen des Reiches. Denn der „Judenschutzbrief“ von Buttenhausen war eines der liberalsten und fortschrittlichsten Rechtsdokumente seiner Zeit im deutschen Südwesten [1]. Die Rechte und Pflichten für die Juden waren im aufklärerischen Geist der religiösen Toleranz verbrieft worden. Dies war bereits zehn Jahre zuvor auch in Jebenhausen bei Göppingen der Fall: Auch dort hatten die Liebensteiner ein „Judendorf“ errichtet, dessen Bestimmungen nun als Vorbild für Buttenhausen herangezogen wurden. Der Freiherr wurde bei den Festlegungen für beide Dörfer vom jüdischen Handelsmann Elias Gutmann aus Illereichen bei Memmingen beraten. Dieser war in seinen wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten in der Reichsstadt Memmingen stark behindert worden [2]. Die finanziellen Interessen der Liebensteiner trafen sich so mit den Interessen jüdischer Händler und wurden zum Nutzen vieler umgesetzt.

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Dennoch galten auch hier die Verbote, die für alle Juden im Reich galten. Ihnen blieb der Erwerb von Grund und Boden verwehrt, ebenso das Betreiben von Landwirtschaft und die Ausübung eines „ehrlichen“ Handwerks. Der Besuch von Universitäten war undenkbar. In Buttenhausen wandten sich die Neusiedler meist dem „Schacherhandel“ zu, dem Hausieren in der Umgebung. Die Männer waren so allein zum Sabbat und an Feiertagen im Dorf, den Rest der Zeit bestand die jüdische Gemeinde aus Frauen, Kindern und alten Menschen [3]. Anfangs kennzeichnete Armut das Leben der Christen und Juden Buttenhausens gleichermaßen. Handelsgeschäfte durften unter beiden Religionsgemeinschaften wohl betrieben werden, doch man siedelte streng voneinander getrennt: links der Lauter wohnten Christen, rechts die Juden [4]. Der jüdische Friedhof, dessen Errichtung bereits im Schutzbrief verfügt wurde, besteht seit 1789 – wie der erste Grabstein dem Besucher heute verdeutlicht. Bemerkenswert ist die Symmetrie, mit der die religiösen Orte angelegt wurden. Der von der jüdischen Bevölkerung „Guter Ort“ genannte Friedhof liegt auf gleicher Höhe mit dem christlichen auf dem gegenüberliegenden Talhang [5]. Die Synagoge, die 1795 eröffnet wurde, lag genau gegenüber der Kirche.

Nachdem der Ort Anfang des 19. Jahrhundert zum Königreich Württemberg gekommen war und den Juden nach und nach bürgerliche Rechte zugestanden wurden, entstanden auch in Buttenhausen erste kleinere jüdische Betriebe. Neben dem Vieh-und Pferdehandel, der am verbreitetsten war, arbeitete man in einer Eisenhandelsfirma, einer Weberei-und Strickereifabrikation oder im Ellen-und Schnittwarenhandel [6]. Nun erst wurde Wirklichkeit, was der alte Liebensteiner Schutzherr einst beabsichtigt hatte: eine wirtschaftliche Belebung des Ortes.

Buttenhausen hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gar ein kleinstädtisches Gepräge. Der jüdische Bevölkerungsanteil war zwischen 1827 und 1870 nachweislich höher als der christliche [7]. Hier waren zeitweise also nicht Juden, sondern Christen in der Minderheit. Nach 1870 kehrte sich diese Entwicklung um. Die sich nun ständig ausweitende Landflucht gerade der jüngeren jüdischen Generationen fand ihren Höhepunkt in den zwanziger Jahren des folgenden Jahrhunderts. Die prosperierenden Städte boten erheblich bessere Möglichkeiten im Bereich der Arbeit, der Kultur und vor allem der Bildung [8].

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Buttenhausen verzeichnete um die Jahrhundertwende einige Berühmtheiten: Lehmann Bernheimer (1841-1918), ein in München arbeitender jüdischer Stoffhändler aus Buttenhausen, gründete ein Kunsthaus am Münchener Lenbachplatz und wurde zum ersten Händler, den der bayerische König Ludwig II. zum Königlich Bayerischen Kommerzienrat ernannte. Mit dem Renaissance-Inventar, das er in seinem Antiquariat verkaufte, begründete er eine Modeströmung der Zeit. Er war es auch, der das städtisch anmutende Gebäude in Buttenhausen, die Realschule, zusammen mit einem Park für den Ort stiftete. Einheimische jüdische und christliche Mädchen und Jungen konnten daraufhin eine kostenlose höhere Bildung genießen [9]. Ihre Klassen waren allerdings voneinander getrennt [10]. Bernheimer veranlasste die Installation der ersten Straßenbeleuchtung sowie Schenkungen für Arme und die Ortsbibliothek. Auch der durch radikale Nationalisten ermordete Matthias Erzberger (1875-1921), Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei und Unterzeichner des Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 war Buttenhäuser. Er war neben seiner Tätigkeit als Politiker einer der ersten Mitglieder des Schwäbischen Albvereins, dem Christen und Juden gleichermaßen angehörten [11]. In Buttenhausen hat das Haus der Geschichte Baden-Württembergs ein Museum im Geburtshaus Matthias Erzbergers eingerichtet.

Ein sorgfältig austariertes Nebeneinander bestimmte das christlich-jüdische Zusammenleben. Der Name des christlich-jüdischen Gesangsvereins war nicht nur zufällig „Concordia“. Im Gemeinderat des Dorfes saßen jüdische und christliche Bürger in gleicher Zahl.

Die Zeit der Gemeinschaft zwischen Juden und Christen war jedoch nicht von Dauer. Bei der Reichstagswahl 1932 kam die NSDAP im christlich-jüdischen Buttenhausen bereits auf 48 Prozent [12]. Und schon im März 1933 wurde ein jüdisches Wohnhaus angesteckt und brannte nieder [13]. Im Juli 1933 wurde die jüdische Volksschule aufgelöst, die neben Rexingen die einzige ihrer Art in ganz Württemberg gewesen war. Und 1935 wurde hier das letzte jüdische Gemeinderatsmitglied Württembergs seines Amtes enthoben [14]. 1938 brannten die Nationalsozialisten, wie überall, auch hier die Synagoge ab. In Buttenhausen musste die SA jedoch zweimal Feuer legen, da die Feuerwehr den Brand beim ersten Mal noch löschen konnte [15].

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Die sich verstärkenden Repressalien führten zur Emigration von ungefähr der Hälfte der Buttenhäuser Juden [16]. Wer geblieben war, musste im Jahr 1940 erleben, wie seine Heimat Buttenhausen von den Nationalsozialisten zum „Sammellager“ für Juden aus dem ganzen Reich umfunktioniert wurde. Bis 1944 wurden von hier aus mindestens 160 Juden in Konzentrationslager deportiert [17]. Danach gab es in Buttenhausen kein jüdisches Leben mehr. Die Geschichte der letzten Grabmale auf dem Friedhof fällt in die Zeit der Deportationen. Sie gehören einem jüdischen Ehepaar, das Selbstmord verübte, um der Deportation zu entgehen. Sie wollten in heimischer Erde begraben liegen [18]. Auf dem Friedhof erhielten sie anfangs nur weiß gestrichene Holzbretter. Grabsteine für Juden waren verboten. Zusammen mit elf weiteren Holzbrettern wurden sie nach dem Krieg durch Kissensteine ersetzt [19].

Nur eine deportierte Buttenhäuser Jüdin überlebte das Konzentrationslager. Sie kehrte Deutschland nach ihrer Befreiung den Rücken [20]. Doch vergessen haben die Emigranten ihr Buttenhausen nie. „Heimat wird erst dann voll erkannt, wenn man sie verloren hat“, meinte der in die USA ausgewanderte Karl Adler (1890-1973) schon 1961 [21]. Als Präsident der Buttenhäuser Vereinigung in New York bemühte er sich stets, die Bande zu seinem Geburtsort nicht abreißen zu lassen.

Der heute in Buttenhausen lebende Walter Ott setzt sich seit den fünfziger Jahren für den Erhalt des jüdischen Friedhofs ein, der nach dem Zweiten Weltkrieg sich selbst überlassen blieb. Er restaurierte die Grabsteine des Friedhofs, baute ein Archiv mit Dokumenten der jüdischen Geschichte Buttenhausens auf und hat in der „Bernheimerschen Realschule“ ein Museum für die jüdische Gemeinde eröffnet. Für all seine Bemühungen erhielt er bereits 1985 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Der wichtigste Beweggrund für seine Arbeit drückt sich in Worten aus, die Karl Adler bei der Übergabe des Gedenksteins für die Juden 1961 in Buttenhausen fand: „Wir wollten von den Opfern das zurückbringen, was zurückgebracht werden konnte: die Namen der Toten“[22].

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Sabine Jäger