heidelberger_student

Das deutsche Korporationswesen befand sich Mitte 1935 in Bedrängnis. Die nationalsozialistische Propaganda schürte die öffentliche Missbilligung gegenüber der "kleine[n] Clique von Korporationsstudenten, die lärmt und säuft, während Deutschland arbeitet" und suchte die Korporationen als elitär, dekadent und unzeitgemäß, und damit als dem nationalsozialistischen "Dritten Reich" schädlich, zu diffamieren.

Von 1926 bis zu seiner Übernahme durch Baldur von Schirach 1928 stand der Nationalsozialistische Deutsche Studenten-Bund (NSDStB) in einem unversöhnlichen Verhältnis zu den Korporationen. Der NSDStB erschien den Verbindungen wegen seiner aggressiven, proletarischen Attitüden als nicht standesgemäße Interessenvertretung. Weniger bezüglich ihrer politischen Forderungen und Weltanschauung als vielmehr in ihrer Rolle als parteipolitische Hochschulgruppen und Vertreter der völkisch-nationalistischen Studierenden standen die Korporationen und der NSDStB in Konkurrenz. Von Schirach erkannte, dass ein Erfolg des NSDStB nur in Zusammenarbeit mit den Korporationen zu erzielen war. In der Folge bemühte er sich darum, die Grenzen zwischen Korporationen und NSDStB aufzuweichen und so den Schulterschluss von Parteigliederung und Studentenverbindungen herbeizuführen. Zugute kam ihm dabei, dass viele Korporationsstudenten mit dem Nationalsozialismus sympathisierten. Trotz weiterhin bestehender Rivalität arbeiteten zwischen 1930 und 1933 die Korporationsverbände und NSDStB bei hochschulpolitischen Angelegenheiten eng zusammen.

Nach der "Machtergreifung" 1933 zeigte sich, dass es den Nationalsozialisten misslungen war, die absolute Loyalität in den Korporationen zu gewinnen. Die "Gleichschaltung" des deutschen Korporationswesens gestaltete sich nicht in der von den Nationalsozialisten angestrebten Rückhaltlosigkeit. Die Korporationen verblieben als eine organisatorisch geschlossene, zumeist nationalkonservativ-völkisch geprägte Einheit. In dieser angespannten Lage ereigneten sich die Heidelberger Vorfälle.

Am Abend des 21. Mai 1935 - zeitgleich zur "Friedensrede" Adolf Hitlers vor dem Reichstag - veranstalteten Studenten des Heidelberger Corps Saxo-Borussia eine Feier, in deren Verlauf sie von ihrem Haus am Riesenstein in ihr Stammlokal, den "Sepp´l" wechselten. Hier trafen sie während der noch laufenden Rede ein. Am folgenden Tag wurden Stimmen laut, sie hätten sich ungebührlich verhalten und die Gäste im "Sepp´l" beim Hören der Rede gestört.

Daraufhin entschuldigte sich das Corps Saxo-Borussia bei dem Nationalsozialistischen Studenten-Bund in Heidelberg und der von ihm dominierten Studentenschaft und ihrem Führer Gustav Adolf Scheel (Angehöriger des Vereins Deutscher Studenten Heidelberg), sowie dem Rektor der Universität Prof. Wilhelm Groh (Alter Herr des Corps Suevia Freiburg), die die Entschuldigung annahmen und keine weiteren Handlungen veranlassten.

Fünf Tage später, am 26. Mai 1935, unterhielten sich dieselben Angehörigen des Corps im Gasthaus "Hirschgasse" lauthals über die Art und Weise, wie man gebührlich Spargel isst. Hierbei fiel auch der Name Adolf Hitlers. Erneut wurden Klagen über antinationalsozialistisches Betragen erhoben. Die Nationalsozialisten an der Universität und später im Deutschen Reich schlachteten den Vorfall nach Kräften propagandistisch aus. Zugleich schalteten sich verschiedene staatliche Behörden wie Parteigliederungen ein, um eine Bestrafung der Saxo-Borussen in die Wege zu leiten.

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Unter Druck des Hochschulgruppenführers "Hogruf" Scheel wurde das Corps Saxo-Borussia aus der Gemeinschaft schlagender Verbände ausgeschlossen. Die Universität leitete ein Disziplinarverfahren sowohl gegen das Corps Saxo-Borussia als auch gegen die Beteiligten der Vorfälle ein. Einige der Studierenden wurden der Universität verwiesen (relegiert), das Corps durch das Disziplinargericht suspendiert. Eine aggressive, gegen die Exklusivität des Corps gerichtete Kampagne der Nationalsozialisten löste allgemeine Empörung im Deutschen Reich aus.Die Medienkampagne fand in der Auslandspresse ein breites Echo.

Das "Heidelberger Spargelessen" bildete den Auftakt zum Verbot der Korporationen im "Dritten Reich". Die Nationalsozialisten nutzten die Empörung, um einen Schlag gegen das gesamte Korporationswesen zu führen. Der innenpolitische Druck drängte die deutschen Korporationsverbände in die Enge, die in Heidelberg durch eine schnelle Distanzierung noch zu retten versucht hatten, was zu retten war. Dort, wo sie sich nicht bereits freiwillig in die Strukturen des nationalsozialistischen Staates eingeordnet hatten, führte das Verbot der Korporationen und die Überführung in das nationalsozialistische Organisationswesen bis Mitte 1936 zum vorläufigen Ende des deutschen Verbindungswesens.

Einführender Text von Arne Lankenau mit Ergänzungen von Manja Altenburg, Françoise Droulans und Kilian Schultes

Unser Dank gilt

dem Team des Heidelberger Universitätsarchivs für die freundliche und geduldige Unterstützung,

dem Direktor des Kurpfälzischen Museums der Stadt Heidelberg, Dr. Frieder Hepp, für die Überlassung des "Volksempfängers",

Frau Stefanie Neuer, Lehrstuhl Prof. Dr. Madeleine Herren, Historisches Seminar Heidelberg, für ihre vielfältige Hilfe,

Prof. Dr. Volker Sellin für seine freundliche Beratung,

dem Oberseminar von Prof. Dr. Madeleine Herren für die kritische Begleitung des Projekts.

Informationen zur Geschichte der Universität Heidelberg im Nationalsozialismus finden Sie im Gemeinschaftswerk:
Eckart, Wolfgang U.; Sellin, Volker u. Wolgast, Eike (Hrsg.): Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus. Heidelberg 2006.

Impressum
Historisches Seminar
Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Lehrstuhl Prof. Dr. Madeleine Herren
Kilian Schultes
Grabengasse 3-5 | 69117 Heidelberg
kilian.schultes@zegk.uni-heidelberg.de

Das Heidelberger Spargelessen 1935

Ausstellung im Foyer des Heidelberger Universitätsarchivs, November/Dezember 2007
[Informationen zum Archiv / Öffnungszeiten]

Manja Altenburg, Françoise Droulans, Arne Lankenau und Kilian Schultes mit freundlicher Unterstützung durch Prof. Dr. Werner Moritz, Universitätsarchiv Heidelberg

Nationalsozialistische Karikatur ("Wir packen zu!" Der Heidelberger Student "im September 1935"), Universitätsbibliothek Heidelberg