Grußwort

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer,

Heiligkeit und Genie sollen sich laut Heinrich Böll der Definition entziehen. Wie können dann erst Religion sowie Kultur einfach definiert werden? Gesellschaftliche Debatten um Migration, Integration, Toleranz und kulturelle Vielfalt verlangen mehr als starre Definitionen. Allzu oft wird Religion für extremistische Positionen missbraucht, die sich gegen den Pluralismus eines kulturellen Miteinanders stellen. Demgegenüber brauchen wir eine Perspektive, die ein vielschichtiges Thema wie das der Religionen gerade nicht für bestimmte Interessen vereinnahmt.

Kulturelle Vielfalt sollte als Chance gesehen werden, aus dem Zusammenleben der Kulturen Ideenreichtum und Innovation für unsere Gesellschaft zu gewinnen. Für das sinnvolle Funktionieren einer offenen, vielfältigen Gesellschaft zu werben, die Toleranz fördert, aber auch Unterschiede nicht ignoriert, braucht es jedoch mehr als Multikulti-Visionen. Wir müssen verstehen, welche Prozesse solche Gesellschaften bewegen, welchen Herausforderungen sie sich zu stellen haben und wie sie auf diese angemessen reagieren können. Einer an gesellschaftlichem Pluralismus ausgerichteten Wissenschaft und Forschung, die Interaktionen über kulturelle Grenzen hinweg in den Blick nimmt, kommt dabei eine wesentliche Rolle zu.

Die Religionswissenschaft als konfessionell ungebundene und kulturwissenschaftliche Religionsforschung fördert das Wissen über solche Interaktionen und über die veränderte Rolle der Religion in unserer Gesellschaft, wenn sie die Vielfalt der religiösen Kulturen und die kulturelle Vielfalt der Religionen in den Fokus nimmt. Mit ihrem Blick für gesellschaftliche Minoritäten sowie für mannigfaltige Formen der Religiosität ist sie eine bedeutende Disziplin hinsichtlich der Fragen von Integration und interkultureller Kompetenz und kann wertvolle Anregungen für die gesellschaftliche Praxis liefern - z.B. wenn es um die Etablierung von islamischem Religionsunterricht an unseren Schulen geht.

Nicht zuletzt müssen wir auch über unsere eigenen kulturellen Voraussetzungen und Denkmuster reflektieren, wenn wir Toleranz und Offenheit gestalten wollen. Ich halte es daher für sinnvoll und wichtig, die Religionswissenschaft als eine Disziplin im Aufwind zu begreifen und übernehme gerne die Schirmherrschaft für die Heidelberger Tagung der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW).

Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wünsche ich spannende Debatten, viel Erfolg und gute, fruchtbare Gedanken.

Ihre,

Theresia Bauer
Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden Württemberg