Institut für Religionswissenschaft 
der Ruprecht-Karls-Universitüt Heidelberg

DFG-Projekt


Kurzberichte junger Forscher

Religionsgeschichte und Ritualistik
(Ruperto Carola 1/2001)

In den letzten Jahrzehnten hat sich zum Thema "Rituale" eine neue, internationale und interdisziplinäre Forschergemeinschaft gebildet: Tagungen zum Thema sind Legion, es gibt eine eigene Fachzeitschrift ("The Journal of Ritual Studies") und eine kaum mehr überschaubare Flut an Literatur.

Das neue kulturwissenschaftliche Interesse an Ritualen ist weder eine Modeerscheinung noch anachronistisch. Vor einigen Jahrzehnten war man noch allgemein davon überzeugt, dass die Modernisierung nicht nur mit einer globalen Abkehr von Religion, sondern auch mit einer Abkehr vom Ritual einherging (Stichworte: "Säkularisierung" und "Entritualisierung"). Tatsächlich haben heutzutage viele früher selbstverständliche rituelle Verhaltensweisen an Gültigkeit verloren. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt – übrigens ebenfalls im globalen Maßstab – gegenläufige Tendenzen: Nicht nur so genannte fundamentalistische Bewegungen, sondern auch neue religiöse Gruppierungen und Bewegungen sowie das weite Feld esoterischer Religiosität sprechen dafür, dass die Abkehr von bestimmten Formen von Religion und Ritual die Hinwendung zu anderen religiösen und rituellen Optionen nicht ausschließt.

Die Säkularisierungsthese ist daher ebenso problematisch wie das Entritualisierungsszenario: Die rituelle Inszenierung gerade von "moderner" Kunst und Politik ist ebensowenig zu übersehen wie rituelle Aspekte spezifisch "moderner" Phänomene wie Medien, Verkehr und Sport (zum Beispiel Fußball und Olympische Spiele) – auch moderne politische Nationalismen bedienen sich weltweit religiös-ritueller Ausdrucksformen.

Im Zusammenhang zum Beispiel mit Aktionskunst und weltweiten politischen Protestbewegungen hat seit den 1960er Jahren die performative Dimension kulturellen Handelns stärkere Aufmerksamkeit gefunden. Performanz verbindet abstrakte präskriptive Systeme (beispielsweise Normen) mit dem diffusen Bereich sozialer Praxis: Im Unterschied zum Alltagsverhalten bezeichnet Performanz einen Handlungsmodus, in dem in einem bestimmten Kontext (etwa auf einer Bühne) Beobachten und Agieren miteinander vermittelt werden, wobei die Beobachterperspektive in Ritualen mitunter von metaempirischen Wesenheiten (,Göttern') repräsentiert wird.

Ein weiteres Charakteristikum von Performanz ist die Aufhebung der Trennung von Geist und Körper: Körperhaltungen und -bewegungen sind in Ritualen zentral – der stimmliche Vortrag bestimmter Texte etwa ist für Rituale konstitutiv, nicht aber unbedingt ihre geistige Durchdringung. Im Rahmen dieser Entdeckung der performativen Dimension der sozialen Wirklichkeit hat sich in der Religionswissenschaft das Interesse von präskriptiven Systemen wie Theologien zu performativen Sequenzen wie Ritualen verlagert.

Der religionswissenschaftliche Zugang zum Thema "Rituale" schwankt zwischen zwei Zugangsweisen: Deskription und Theorie. Fast jede Darstellung von Religionen beinhaltet die Beschreibung von Ritualen. Gerade die Vieldimensionalität und die Multimedialität von Ritualen machen die Ritualdeskription zu einer schwierigen Angelegenheit, die stilistisches Geschick erfordert. An Ritualen sind oftmals eine Vielzahl von Akteuren beteiligt, die für ihre Aufführung unterschiedliche Qualifikationen benötigen. Die Gestaltung der Ritual-Szenerie umfasst mehrere Ebenen, und Rituale aktivieren zumeist mehrere Sinnesorgane. Für die Ritualbeschreibung hat das zur Konsequenz, dass mehrere Perspektiven (Beobachter/Akteure; Priester/Laien; Frauen/Männer etc.) reflektiert und verschiedene technische Instrumentarien (Text, Ton, Photographie, Kameras) eingesetzt werden müssen. Die verschiedenen Medien sind über das Internet in unterschiedlichen Kombinationen "synthetisch" abrufbar.

Rituale operieren in der Regel mit Gegenständen, die unterschiedliche symbolische Potenziale bereithalten, und die Analyse ritueller Kernsymbole wurde in der Forschung mitunter dazu verwendet, ganze Kulturen zu dekodieren. Umgekehrt nahmen Ritualtheorien ihren Ausgangspunkt oft bei bestimmten, singulären Ritualen, um von diesen auf Charakteristika oder Funktionen "des Rituals" als solches zu schließen.

Das interdisziplinäre DFG-Projekt "Religionsgeschichte und Ritualistik" verortet sich im Wechselspiel unterschiedlicher deskriptiver Zugangsweisen und theoretischer Modelle. Im Sinne eines Fallbeispiels, das einerseits einen präzisen Rahmen vorgibt und andererseits sowohl globale als auch lokale Perspektiven eröffnet, wird das religionsgeschichtliche Material dabei durch ein religiöses Traditionsbündel repräsentiert: den Zoroastrismus, dessen Anhänger sich auf Zarathushtra (griechisch Zoroastres, lateinisch Zoroaster) als ihren 'Propheten' oder 'Religionsstifter' berufen.

Zarathushtra lebte vermutlich zwischen 800 und 1500 vor unserer Zeitrechnung, und die ältesten Quellen sprechen dafür, dass Debatten über rituelle Fragen ausschlaggebend für die Herausbildung der religiösen Identität der Zoroastrier waren. Ihre Glanzzeit erlebte diese Religion vor der Eroberung Irans durch die Araber (seit 631 unserer Zeitrechnung). Heute zählt der Zoroastrismus noch etwa 120 000 Anhänger in Indien, Iran und in mehreren westlichen Ländern. Vor allem in Indien sind die Zoroastrier – auf Grund ihrer Herkunft auch als "Parsen" bekannt – eine wohlhabende religiöse Minderheit. Ihre jüngere Geschichte erlaubt signifikante Einblicke in das dynamisch-strukturelle Zusammenspiel alter Ritualtraditionen mit (post-) modernen sozialen Realitäten in variierenden kulturellen und religiösen Kontexten.

Autor: Dr. Michael Stausberg, Institut für Religionswissenschaft, Akademiestr. 4-8, 69117 Heidelberg. Telefon (06221) 547622 oder 547682, Fax: (06221) 547624,
e-mail: michael.stausberg@urz.uni-heidelberg.de