Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

„Die Erfindung des Zen”

Untersuchungen zur literarischen Rezeption des Zen-Buddhismus in Deutschland mit Schwerpunkt auf den Schriften D.T. Suzukis

Wer Informationen zum Zen-Buddhismus sucht, der wird in einschlägigen Lexika (etwa dem Kröner Wörterbuch der Religionen 1985 oder dem Metzler Lexikon Religion 1999) auf die Schriften D.T. Suzukis verwiesen. D.T. Suzuki spielte eine herausragende Rolle bei der Vermittlung des Zen-Buddhismus im Westen. Er war buddhistischer Gelehrter und Laienbuddhist zugleich, Pionier einer interkulturellen Verständigung und ein geniales Kommunikationstalent. Seine Schriften trugen maßgeblich dazu bei, dass sich im Westen ein systematisch an der historischen Realität vorbeikonstruiertes Bild der japanischen Religionen festsetzten konnte und Suzuki erweist sich somit – wie der Hinweis auf aktuelle Lexika zeigt – als ein Religionsgelehrter mit Langzeitwirkung.

Das Projekt untersucht die Gründe für die nachhaltige Wirkung und Einflusskraft der Schriften Suzukis bis in die Gegenwart hinein. Es erörtert die spezifische historische Situation, in der seine Schriften ihre Wirkung entfalten konnten, die Mittel, derer er sich zur Darstellung seines Verständnisses des Zen-Buddhismus bedient, sowie die Merkmale seiner Schreibweise. Suzuki wird verstanden als Zwischenwesen – als ein Gelehrter, der mit buddhistischen Klassikern ebenso vertraut war wie mit dem Mystizismus eines Swedenborg und der Philosophie von William James. Zwischen östlicher und westlicher Geisteswelt hin und her pendelnd, konnte er sich seine Studien zunutze machen, um ein innovatives Bild vom Zen-Buddhismus zu schaffen, das sein Publikum in West und Ost bis heute zu überzeugen vermag. Zu dieser Überzeugungskraft trägt ebenfalls eine spezifisch suzukische Rhetorik bei, die es zu untersuchen gilt.

Suzuki war nicht nur ein Pionier im Vermittlungsprozess des Zen in den Westen – er kann zugleich als Vorreiter einer „Erlebniswissenschaft” verstanden werden. Die Rede über Religion eignet sich, wie zu zeigen sein wird, besonders gut für einen erlebnisbetonten Diskurs, denn sie verfügt über „performative” Qualitäten. Mit ihr können latente Bedeutungen transportiert und Stimmungen erzeugt werden, da religiöses Vokabular häufig vage und emotionsgeladen ist. Die Unbestimmtheit resultiert aus der Notwendigkeit, ein verhandeltes Jenseitiges, Unsichtbares mit einer Aura der Unzugänglichkeit zu umgeben, um es vor Angriffen zu schützen. Suzuki erweist sich als Meister darin, religiöse Vokabeln je nach Bedarf neu zu deuten, zu bewerten und zu einer neuen Mixtur weiterzuverarbeiten.

Zum einen wird mit dem Projekt Suzukis Rolle als Gründungsvater einer selbstorientaliserenden religionskundlichen Schule in Japan untersucht. Zum anderen befasst sich das Projekt mit der Bedeutung Suzukis für die Herausbildung einer Erlebniswissenschaft der Religion. Seine Schriften können als Vorbild für eine „Rhetorik der Erleuchtung” eingestuft werden, welche auch für die Schriften Eugen Herrigels, Heinrich Dumoulins, Karlfried Dürckheims, Allan Watts und anderer Forscher und Autoren prägend wurde. Ziel des Projekts ist es, zu zeigen, auf welche Weise diese Autoren gemeinsam zur „Erfindung des Zen” beigetragen haben.

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Letzte Änderung: 20.07.2016