Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Weibliche Realitäten in der Religionsgeschichte

Weibliche soziale Realitäten und Diskurse in der Geschichte und Gegenwart von Religionen - Eine erkenntnistheoretische Herausforderung

Die Religionswissenschaft legitimiert sich als Fach nicht zuletzt über eine kulturwissenschaftliche Perspektive. In dieser werden Aussagen von Akteur*Innen¹ im Rahmen von Diskursen untersucht, bei denen es stets zur Produktion von ‚Wirklichkeit' kommt. Letztere wird von Religionswissenschaftler*Innen kontextualisiert und so auf ihre historische Bedingtheit untersucht; dabei zeigen sich auch stets alternative Möglichkeiten, menschliches Dasein und metaphysische Wahrheit zu konzeptualisieren, sodass der jeweilige Status quo hinterfragbar wird.

Angesichts dieses differenzierten Zugangs scheint es paradox, dass die Analyse religiöser Diskurse - beispielsweise religiöser Texte - sich selten kritisch mit der zumeist männlichen Perspektive auseinandersetzt, die viele religiöse Diskurse bestimmt. Besonders bis zur Mitte des 20. Jh. werden die sozialen Realitäten von Frauen unter die Erfahrung von Männern subsumiert. Religiöse Normen und Heilsversprechen, die von Männern formuliert wurden, gelten nach dieser impliziten Annahme auch für Frauen - ein Umstand, der schon aufgrund sozialer Geschlechterdifferenzen und der damit einhergehenden unterschiedlichen Lebenserfahrungen als unwahrscheinlich gelten muss.

Ein weiteres Problem tritt dann auf, wenn die expliziten Erwähnungen von Frauen in religiösen Diskursen als direkte Übertragung der historischen Gegebenheiten verstanden werden. Da männliche Perspektiven dominieren, sollte jedoch davon ausgegangen werden, dass Frauen in religiösen Diskursen oftmals als Phantasieprodukte männlicher Vorstellungen figurieren und damit nur indirekt Auskunft über die soziale Realität geben, indem sie als Metaphern gesellschaftlicher Zuschreibungen etwas über die Sicht auf Frauen, nicht aber die Sicht der Frauen mitteilen. Grund für diesen Umstand ist, dass viele religiöse Traditionen eine patriarchale Grundprägung aufweisen, die sich in den Normen und Narrativen religiöser Diskurse niederschlägt.

Die Heidelberger Religionswissenschaft ist darum bemüht, weibliche Realitäten in religiösen Diskursen zu rekonstruieren, um die soziale Realität angemessener in den Blick zu nehmen und damit letztlich auch männliche Perspektiven genauer zu verstehen. Zu unserem Zugang gehört daher die kritische, historische Forschung zu Frauen in den sogenannten großen Religionen, aber auch weiteren religiösen Traditionen. Im Zentrum steht die Frage nach Brüchen männlicher Perspektiven, oder seltenen Umkehrungen der patriarchalen Ordnung in weiblich dominierte Gesellschaftsordnungen. Wir gehen davon aus, dass binäre Geschlechternormen zwar historisch zur Herausbildung weiblicher und männlicher Erfahrungen geführt haben, dass Geschlechtsidentitäten aber nicht grundsätzlich binär sind. Neben dem Fokus auf weibliche Realitäten der Religionsgeschichte geht es uns daher ebenso um die Erforschung sexueller Identitäten im gesamten LGBTQI-Spektrum, da wir eine queere Erweiterung religionshistorischer Forschung als konsequente Umsetzung einer historisch-kritischen Religionswissenschaft verstehen. Auch hier steht im Zentrum, von der Sicht auf queere Akteur*Innen zur Perspektive von queeren Akteur*Innen zu gelangen.


Inken Prohl und Dimitry Okropiridze


¹ * steht für Geschlechtsidentitäten jenseits der Binarität von männlich und weiblich
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Letzte Änderung: 01.07.2018