Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

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Religionswissenschaft als 'Taucherfahrung'


Iceberg
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Öffentliche Diskurse um Religion(en) begegnen uns im Alltag oftmals als idealisierte Vorstellungen, etwa vom „grundsätzlich friedvollen Buddhismus“, dem „aufgeklärten Christentum“ oder dem „konservativen Islam“. Diese Klischees von Religion(en) ragen wie die Spitze eines Eisbergs über dem Ozean empor. Der Metapher des Eisbergs folgend ist ein wesentlicher Teil des religionswissenschaftlichen Gegenstandes unsichtbar, solange keine Anstrengung erfolgt, den Dingen auf den Grund zu gehen - Religionswissenschaftler*innen stellen sich der Herausforderung, diesen Tauchgang vorzunehmen.

Die historische Komplexität von Religionsdiskursen wird erst dann sichtbar, wenn intensive Arbeit an den Quellen erfolgt. Dazu zählt das genaue und breite Studium von Primär- und Sekundärliteratur, aber auch das Auffinden schriftlicher Quellen, die bislang nicht im Fokus der Aufmerksamkeit standen oder gar bewusst von der Forschung ferngehalten oder von dieser ignoriert wurden. Es genügt also nicht, die sogenannten ‚heiligen Schriften' der jeweiligen Religionsgemeinschaft zu kennen. Bei diesen handelt es sich oftmals um Produkte eines Elitendiskurses, die zwar normative Vorschriften enthalten, aber nicht automatisch Auskunft über die soziale Realität in Geschichte und Gegenwart Auskunft geben. Auch eine oberflächliche Betrachtung der niedergeschriebenen Religionsgeschichte(n) ist nicht ausreichend, da diese oftmals (unbequeme) Teile der historischen Realität verschleiern und eine vereinfachende Darstellung liefern. Wer also mit populärer Literatur über Religion(en) konfrontiert ist, sollte sich vergegenwärtigen, dass diese mit großer Sicherheit nicht der historischen Komplexität gerecht wird.

Die soziale Praxis religiöser Akteur*innen folgt nicht automatisch den idealisierten Bildern von Religion(en). Ob Buddhisten friedfertig sind oder nicht, ob Menschen christlichen Glaubens Idealen der Aufklärung, wie Individualismus und Rationalität folgen oder nicht, ob Muslime grundsätzlich fünfmal am Tag beten oder nicht - alle dies kann nicht pauschal bejaht oder verneint werden, weil schon die Fragen eine problematische Vereinfachung des Sachverhalts vornehmen. Quantitative und qualitative Studien über die soziale Praxis religiöser Akteur*innen können uns Auskunft über den Wahrheitsgehalt solcher Klischees liefern, wobei die Erfahrung zeigt, dass die idealisierten Vorstellungen nicht der empirischen Realität entsprechen. Viele Buddhisten mögen den Idealen des Gewaltverzichts folgen oder von ihrer Gemeinschaft dazu angehalten werden; andere jedoch wenden aktive Gewalt gegen Individuen und Gruppen an und legitimieren diese anhand buddhistischer Lehren. Viele Menschen christlichen Glaubens mögen implizit und explizit Individualismus und Rationalität der Aufklärung unterstützen; andere wiederum folgen womöglich einer evangelikalen christlichen Kirche, deren kollektivistische Grundsätze mit starken Rückbezügen auf das Alte Testament nur bedingt mit den Idealen der Aufklärung vereinbar sind. Viele Muslime verrichten das vorgeschriebene Gebet zu den vorgeschriebenen Zeiten, während andere sich für eine individuelle Interpretation ihrer Glaubenspraxis entscheiden und die Gebetszeit und Häufigkeit variieren.

Die Materiale Realität von Religion(en) existiert als eine eigenständige Qualität der von religiösen Akteur*innen bewohnten Umwelt und nimmt Einfluss auf deren Interpretationen. Tempelarchitektur und Meditationspraxis im Buddhismus lenken Blicke und Körper; Kirchenraum und Gebetpraxis im Christentum lassen aufhorchen und niederknien, Wein trinken und bekreuzigen; die Praxis des islamischen Gebets folgt der rituellen Reinigung mit Wasser und involviert Körper und Stimme der Teilnehmenden Akteur*innen. Alle diese materiellen Gegebenheiten ermöglichen und beschränken den Deutungshorizont religiöser Akteur*innen, sie bieten unterschiedliche sinnliche Stimulationen, sie fordern die Körper religiöser Akteur*innen auf unterschiedliche Art und Weise zur Reaktion auf.

Es ist die kognitiv-sinnliche Erfahrung religiöser Akteur*innen, die am Grunde unseres Eisbergs zu vermuten ist. Diskurs, Praktiken und Materialitäten werden von fühlenden und denkenden Individuen hervorgebracht und rezipiert. Auch wenn Kognition und Sinneswahrnehmung über lange Zeiträume variieren und sich sowohl zwischen Gruppen als auch Individuen unterscheiden, gehen wir mir Seitenblick auf die sozial- und naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen davon aus, dass eine Reihe grundlegender Strukturen über Zeit und Raum stabil ist. So ist die kognitiv-sinnliche Erfahrung eines wärmenden Feuers nicht identisch mit der Erfahrung einer lauten Tempelglocke; auch vermeintlich ähnliche Praktiken, wie das Fasten von Christen vor dem Osterfest oder von Muslimen während des Fastenmonats Ramadan sind nicht identisch. Diese Erfahrungen sind aufgrund ihrer Kontextualität und ihrer Materialität voneinander verschieden. Zugleich erlaubt die Einsicht in das Wechselspiel zwischen Kognition und Sinnlichkeit den Vergleich von Materialitäten, sozialen Praktiken und Diskursen.

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Letzte Änderung: 24.04.2019