Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

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Verknüpfung von Forschung und Lehre am IRW


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Das Heidelberger Institut für Religionswissenschaft legt besonderen Wert auf die Verknüpfung von Forschung und Lehre. Anders als die Naturwissenschaften findet die kulturwissenschaftliche Forschung nicht unter kontrollierten Laborbedingungen statt, sondern die Forschenden sind eingebettet in die soziale Realität von Individuen, Kollektiven und Institutionen. Religionswissenschaftliche Forschung kann potenziell zu jeder Zeit und an jedem Ort stattfinden.

Der Zusammenhang von Forschung und Lehre ruht auf zwei Säulen: Die erste Säule ist der öffentliche Diskurs um ‚Religion(en)' - eines unserer zentralen Anliegen, denn ebendieser Diskurs gibt Auskunft über das Denken, Fühlen und Handeln religiöser und nicht-religiöser Akteur*innen. Aus diesem Grund werden Studierende dazu angehalten, auch außerhalb der Vorlesungen, Seminare und Tutorien mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und die überall sichtbaren Zeichen von Religionsdiskursen religiösen Materialitäten und religiösen Praktiken in den Blick zu nehmen. Der Besuch von Bahnhofsbuchhandlungen etwa offenbart in den Regalen zu ‚Religion', ‚Spiritualität' oder ‚Esoterik' durch Auswahl und Ausstellung der Bücher, welche aktuellen Vorstellungen auf dem Markt kursieren, welche Nachfragen Kund*innen mitbringen und welche Zuschreibungen und Fantasien Hersteller*innen antreiben. Kleine Buddhafiguren, Gongs, Traumfänger, Räucherwerk und andere Paraphernalien, die auf dem Heidelberger Weihnachtsmarkt erworben werden können, zeigen die Materialität religiöser Gegenstände, deren Form, Farbe, Klang und Duft auf die Akteur*innen einwirken. Wer sich beim Hochschulsport für Yoga, Meditation, Achtsamkeit und Kampfkünste interessiert, wird schnell feststellen, dass jede dieser psychophysischen Techniken Teil des Religionsdiskurses ist und eine komplizierte Geschichte hat, die die Religionswissenschaft differenziert beschreiben kann. Wer nach einem Tag in der Bibliothek die ein oder andere Folge einer hochwertig produzierten Fernsehserie wie Game of Thrones schaut, wird mit dem erworbenen religionswissenschaftlichen Blick bislang verborgene Aspekte von Ritual und Magie in der Narration entdecken - Religionswissenschaftler*innen begegnen ihrem Gegenstand auf Schritt und Tritt. Auch das aktuelle politische Geschehen mit seiner Polarisierung in politische Lager und unversöhnliche Vorstellungen von ‚richtig' und ‚falsch' ist stark von religiösen Diskursen geprägt. Ob die Erzählung eines ‚christlichen' Abendlandes oder eines ‚einheitlichen' Islam - in dem gegenwärtigen postsäkularen Zeitalter, das gleichzeitig von neoliberalen Märkten und von religiösen Bedürfnissen nach Sinnstiftung dominiert wird, sind auch diese Felder Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung.

Die zweite Säule ist der wissenschaftliche Diskurs um Religion. Religionswissenschaftler*innen rezipieren und produzieren beständig qualitative und quantitative Befunde zu ihren jeweiligen Gegenständen. Feldforschungen bei religiösen Gruppierungen etwa führen zu religionswissenschaftlichen Analysen in Form von Aufsätzen in wissenschaftlichen Journals, wie der Zeitschrift für Religionswissenschaft (ZfR), Sammelbänden, wie sie von den Verlagen De Gruyter und Brill herausgegeben werden oder eigenständigen Monographien, die weltweit in den Bibliotheken von Universitäten gelesen werden und auch ihren Weg in den öffentlichen Buchhandel finden. Eine eigenständige Kategorie stellen die religionswissenschaftlichen Lexika, wie das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe dar, das als beständig erneuertes Nachschlagewerk für die Disziplin gilt. Auch die religionshistorische Forschung in Bibliotheken und Archiven oder die religionsphilologische Forschung über die Quellensprachen und Quellentexte von Religionen mehren das religionswissenschaftliche Wissen und bilden die Lerngrundlagen für die Studierenden des Faches. Methodologische Literatur von und für Religionswissenschaftler*innen verhilft dabei zu einem tieferen Verständnis derjenigen Werkzeuge, mit denen Diskurse, Praktiken und Materialitäten untersucht werden können. Sie sind das kulturwissenschaftliche Pendant zu den naturwissenschaftlich-mathematischen Forschungsgrundlagen und helfen uns, die Komplexität sozialer Prozesse zu interpretieren und Zusammenhänge verständlich zu machen. Auf großen religionswissenschaftlichen Tagungen wie der DVRW (Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft) treten fortgeschrittene Studierende, Doktoranden, PostDocs und Professor*innen miteinander in kollegialen Austausch über ihre jeweilige religionswissenschaftliche Forschung. Hier werden Ergebnisse kritisch diskutiert mit dem Ziel den jeweiligen Kolleg*innen eine Hilfestellung beim weiteren Vorgehen oder zukünftigen Projekten zu liefern.

Die Lehre am Heidelberger Institut für Religionswissenschaft basiert auf den eben beschriebenen Säulen des öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurses um Religion(en). Aktuelle Forschungsergebnisse der Professor*innen, PostDocs und Doktoranden fließen kontinuierlich in die Lehre ein und werden durch das Feedback der Studierenden verbessert.

Zum allgemeinen Umgang mit Primär- Sekundär- und Tertiärquellen in der Heidelberger Religionswissenschaft

Zu den Basiskompetenzen der religionswissenschaftlichen Ausbildung am Heidelberger Institut gehört die selbstständige und kritisch reflektierte Quellenrecherche. Neben audiovisuellen (Film, Fernsehen, Internet) und sensorischen (z.B. Feldforschung, teilnehmende Beobachtung) Quellen stehen dabei vor allem schriftliche Texte im Vordergrund der religionswissenschaftlichen Forschung. Diese unterteilen sich in Primär-, Sekundär- und Tertiärquellen, wobei fließende Übergänge zwischen den drei Quellenformen vorherrschen.

Bei Primärquellen handelt es sich um Erzeugnisse sozialer (in unserem Fall oftmals religiöser) Akteure. Das religionswissenschaftliche Interesse gilt den historisch vielfältigen Vorstellungen, Praktiken und Materialitäten, die anhand von Primärquellen erschlossen werden können. Dabei spielen Informationen über den historischen und sozio-kulturellen Kontext der Autor*innen (Beispiel: die Verfasser buddhistischer Texte im 13 Jh. in Japan) sowie der verhandelten Sachverhalte (Beispiel: zen-buddhistische Anleitungen zum Zazen, dem stillen Sitzen) eine herausragende Rolle.

Bei Sekundärquellen handelt es sich um Erzeugnisse sozialer (oftmals wissenschaftlicher) Akteure, die sich mit Primärquellen befassen und diese beschreiben, erläutern oder kommentieren. Das religionswissenschaftliche Interesse gilt hier der (wissenschaftlichen) Expertise der Autor*innen, die allerdings stets unter dem Vorbehalt der Kontextabhängigkeit aufgefasst werden. So können ältere religionswissenschaftliche Texte normative Vorannahmen über Religion(en) enthalten, die aus heutiger Sicht nicht den wissenschaftlichen Standards genügen. Dies ist etwa der Fall, wenn theologische oder religionskritische Unterstellungen in die Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes einfließen.

Bei Tertiärquellen handelt es sich um Nachschlagewerke, die sich als Lehr- und Handbücher mit bestimmten Gegenständen (Beispiel: buddhistische Strömungen in den USA) aus bestimmten fachlichen (in unserem Fall: religionswissenschaftlichen) Perspektiven auseinandersetzen. Das religionswissenschaftliche Interesse gilt hier den von Fachkolleg*innen zusammengetragenen Informationen zum jeweiligen Forschungsgegenstand; auf diesen aufbauend werden häufig weiterführende Fragestellungen entwickelt, die anschließend erforscht werden. Aufgrund der stetigen Veränderungen von Religionsdiskursen und dem religionswissenschaftlichen Forschungsstand werden Tertiärquellen immer wieder erneuert und ebenso kritisch reflektiert.

In den Veranstaltungen des Heidelberger Instituts für Religionswissenschaft lernen Studierende den Umgang mit allen beschriebenen Quellentypen. Dem Diktum der zweispurigen Religionswissenschaft folgend (http://www.zegk.uni-heidelberg.de/ religionswissenschaft/forschung/forschungschwerpunkte.html) soll unabhängig von der Fragestellung eine Balance zwischen dekonstruktiven und pragmatischen Perspektiven entwickelt werden.

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Letzte Änderung: 27.05.2019